„Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“

Wer hat`s gesagt?

Bertold Brecht war`s gewesen. :)

Tag 1 der diesjährigen Michaelismesse und obwohl das erste Bierfass noch nicht einmal angestochen ist (das mag anders sein, wenn ich mit meinem Artikel fertig bin ;) ), habe ich bereits seit ein paar Tagen immer wieder mal Posts in meinen Facebook-Neuigkeiten, in denen es um das umstrittene Ponyreiten geht, welches auch 2016 wieder „uff de Mess“ zu finden ist. 

Laute Musik, kreischende Kinder, unzureichende Ruhepausen, schlechte Unterbringung, Haltungsschäden durch stupides Nase-an-Hintern-im-Kreis-Getrotte.

DSC05831

ponyreitensamstag6
Schaut nach äußerst angenehmem Tragegefühl aus – so sehen glückliche Ponys aus.

Es sei absolut nicht mehr zeitgemäß und außerdem schlicht Tierquälerei, die armen Ponys solchen Strapazen auszusetzen, nur damit Mia, Emma, Hannah, Ben, Elias oder Jonas sich für ein paar Minuten als Cowgirl, bzw. Cowboy fühlen können, so in etwa lautet der anklagende Tenor.

Irgendwo in einem vergilbten Fotoalbum habe ich mal ein Foto entdeckt, auf dem auch ich hoch zu Ross meine Runden in solch einem „Pony-Karussell“ drehe. Ich muss fünf oder sechs Jahre alt sein, trage einen roten Faltenrock, ein weißes Oberteil mit roten und blauen Längsstreifen und schaue mit leicht gesenktem Kopf schüchtern in die Kamera.

Ob ich reiten wollte oder sollte, das weiß ich nicht mehr, allzu fröhlich sehe ich auf dem Bild jedenfalls nicht aus. Vielleicht taten mir die Tiere schon damals leid, vielleicht hatte ich einfach Schiss, runter zu fallen – oder der dämliche Faltenrock war schuld.
Je ne sais pas.
Ich hab keine Ahnung.

Grundsätzlich finde ich solche Posts gut und verteile auch gern mein Däumchen nach oben. Ich gehe mit dem jeweiligen Schreiberling also konform und hätte ich was zu melden, würde dieses Ponyreiten auf sämtlichen Märkten & Messen verboten. Mich fragt aber ja keiner.

(Kleine Info am Rande: Für den Fassanstich hat der Herr Bürgermeister soeben übrigens nicht mehr als zwei Schläge gebraucht, Chapeau! ;)) 

pony3Jetzt erwartest du vielleicht einen Artikel, in dem ich mich ausführlichst dem Leid der Pferde widme, hüfthoch durch ihr Elend wate und über die bösen, bösen „Halter“ schimpfe, aber nö … Darüber wird man die kommenden Tage sicherlich noch genug hören – zumindest hier in meiner Gegend.


Tierfreund zu sein macht sich gut im Lebenslauf, wo Tierleid beginnt, das scheint häufig dennoch erfolgreich verdrängt zu werden.

Wenn ich auf der Facebookseite einer Person sehe, dass sie sich über die Ponyreiterei aufregt, zwei Beiträge zuvor aber zig Fotos der letzten Grillparty – inklusive Spanferkel – gepostet hat, da denk ich mir ehrlich gesagt ja schon so meinen Teil …

nippelschinkenGleiches gilt für dieses Foto hier, das die vergangenen Wochen die Gemüter erregt hat.

Mon Dieu, NIPPEL-SCHINKEN! 

Das geht ja mal gar nicht, das kann doch kein Mensch essen, das ist die Brustwarze von nem Tier, sieht man doch ganz deutlich – bäh, wie eklig, sowas kommt bei uns nicht auf den Tisch!

Öhm …

Da leben wir in in einer extrem fortschrittlichen High-Tech-Welt, können auf fremde Planeten fliegen, Roboter bauen, tragen das Wissen der ganzen Welt in Form eines Smartphones in unserer Hosentasche mit uns herum – und dann braucht es solch ein Foto um uns klar zu machen, dass das Fleisch auf unserem Teller einmal ein lebendiges Wesen war?

Dass die saure Lunge auf deinem Teller einmal geatmet hat, die Schweinshaxe herumspaziert ist und das Rinderherz vielleicht sogar geliebt hat. ♥

Ist uns aber nicht klar, bzw. verdrängen wir erfolgreich das Offensichtliche. Bratwurst kauend wird neben dem Ponykarussell gestanden und sich für die Rechte der Tiere stark gemacht – dass der Graben zwischen uns und dem, was wir da bekämpfen, nicht halb so breit ist, wie wir denken, merken wir nicht.

Nippel-Schinken sind wir einfach nicht gewohnt.
Gabs früher bei Mutti nicht – gibts auch heute nicht.

Ponyreiten gabs auch früher schon – und gibt`s noch immer.
Is halt so.

Wir selbst sind es, die entscheiden, welche Werte wir an unsere Kinder weitergeben. 

Worüber sollen sie später einmal sagen:
„Das hab ich von Mama und Papa so gelernt.“

Ein neuseeländischer Vater macht gerade Schlagzeilen, weil er auf Facebook das Foto seiner 8-jährigen Tochter gepostet hat, auf dem zu sehen ist, wie sie in das „noch warme, pulsierende“ Herz eines kurz zuvor von ihr selbst erlegten Hirschs beißt. Er sei ja so stolz auf sein Kind, lässt er die Welt wissen …

Ich verlinke das hier nicht, beim Anblick des Mädchens, Gesicht und Hände blutverschmiert, die Zähne im Herzen des Tieres, wird mir übel.

Wenn man dem Ganzen etwas Positives abgewinnen wollte, könnte man allerdings sagen, dass dieses Mädchen wenigstens genau weiß, wo das formschön abgepackte Fleisch in unseren Supermärkten herkommt, dennoch …

Von klein auf mit der Geisteshaltung aufzuwachsen, dass bestimmte Tierarten nur existieren, um dem Menschen zu dienen, von ihm ausgebeutet und schließlich getötet und gegessen zu werden, das kann einfach nicht richtig sein.

Unser Planet braucht mehr Menschen, die sich für seinen Erhalt verantwortlich fühlen, die sich als ein Teil des großen Ganzen empfinden – neue Generationen heranzuziehen und ihnen genau das Gegenteil zu vermitteln, empfinde ich als grob fahrlässig.

Ponyreiten erscheint vielleicht nicht halb so brutal, wie das Verspeisen eines noch warmen Herzens – für mich ganz klar ein Trugschluss.

Der Hirsch hat bis zum Zeitpunkt seines schnellen Todes in freier Wildbahn gelebt.
Nur einen einzigen Nachmittag bei paarunddreißig Grad stundenlang im Kreis laufen und den ganzen Krach ertragen zu müssen, ist in meinen Augen ein viel größeres Elend und damit ein noch herzloseres Verbrechen am Tier. Und solche Nachmittage gibt es für die Ponys viele im Jahr …

Wir zwingen nicht nur die Tiere in die Knie – über kurz oder lang auch die ganze Erde. Wie weit wir schon sind, das kannst du, wenn du möchtest, in diesem Artikel noch etwas genauer nachlesen: Overshoot – Erdüberlastungstag 2016


Mir liegt es fern, alle Welt zu veganer Ernährung / veganem Leben bekehren zu wollen, solch militantes Verhalten stößt für gewöhnlich eher auf Ablehnung, als dass es inspiriert und das wäre schade.

Ich finde aber, wenn ich mich schon hinstelle und auf das Leid der Tiere aufmerksam mache, dann muss ich auch so ehrlich sein, mein eigenes Verhalten/meine Gewohnheiten zu hinterfragen und sollte vielleicht auch mal darauf achten, wo drei meiner restlichen vier Finger hinzeigen, wenn ich mit dem Zeigefinger auf jemand anderen deute.

Lieben Gruß,
Rebecca

Advertisements