Die Macht der Verletzlichkeit

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Heute früh hatte ich eine eMail in meinem Postfach, in welcher mir eine Buchvorstellung im Compassioner, dem Online Magazin des Human Trust bestätigt wird.

Wem der Human Trust nichts sagt, der hat vielleicht den Namen Veit Lindau schon mal gehört – wenn nicht, sollte es nicht zu deinem Schaden sein, mal die Suchmaschine deines Vertrauens nach ihm zu befragen oder alternativ hierhier oder hier zu schauen. ;)

Hhm, seit einiger Zeit erwähne ich ja im Groben, worum es in meinem Buch geht. Zu wissen, dass nun auch immer mehr Details rauskommen werden (wobei es immer nur kurze, biografische Episoden sind, die ich im Anschluss aus heutiger Sicht betrachte und den Weg von A nach B nachzeichne), macht mir manchmal schon ein etwas mulmiges Gefühl. Nützt aber ja nix.

Habe erst gestern von jemandem gesagt bekommen, dass vermutlich enorm viele Menschen in irgendeiner Form mit diesem Thema zu tun haben und es nicht schwer sei, sich darin zu erkennen – die eigene Geschichte in der Öffentlichkeit zu erzählen, das sei aber ja schon … huiuiui …

Stimmt. Denke ich mir beim Tippen auch immer wieder mal. Huiuiui … und das willste wirklich schreiben? Schlimmer noch: andere lesen lassen?

Ja.

Unsere Entscheidungen werden viel zu häufig davon bestimmt, was andere Menschen über uns denken, bzw. wovon wir DENKEN, dass sie es denken … Wir philosophieren wild in der Gegend herum und tun oder lassen Dinge, weil sie sich gesellschaftlich betrachtet nun mal so gehören – oder eben auch nicht.

Manchmal glaube ich, da draußen laufen überwiegend fremdgesteuerte Zombies herum, ihr wahres Ich versteckt hinter einer Fassade aus Erwartungen anderer, ebenfalls nicht selbstbestimmt handelnder Cyborgs. Ganz schön spooky, findest du nicht auch?

Hab ich keine Lust mehr drauf.

Im Übrigen hole ich ja nicht nur irgendwelchen Müll aus meinem Keller und lasse ihn auf meinen Buchseiten vor sich hinmodern – ich trenne, kompostiere, entsorge ja auch und hinterlasse alles wieder ganz ordentlich.

Von daher … Alles jut. Würde sicher auch Brené Brown so sehen.

brenebrownDie Sozialwissenschaftlerin hat das wundervolle Buch „Verletzlichkeit macht stark“ geschrieben und macht darin deutlich, wie heilsam es ist, sich eben nicht immer hinter seiner aufgehübschten Maske zu verstecken, sondern zu seinen Schwächen zu stehen. Warum tun wir das für gewöhnlich nicht?

Weil wir Verletzlichkeit und Schmerz vermeiden wollen.

In ihrer langjährigen Forschung zum Thema Scham und Schmerz kam Brown zu dem Ergebnis, dass sich die Menschen grob in zwei Kategorien einteilen lassen.

  1. Menschen, die sich wertvoll und geliebt fühlen. Die ein starkes Verbundenheitsgefühl zu anderen haben und ein erfülltes Leben führen.
  2. Menschen, die ständig um Liebe und Verbundenheit kämpfen müssen und sich ununterbrochen fragen, ob sie gut genug sind.

Ich glaube, kaum jemand würde jetzt sagen: „Au ja, die zweite Variante klingt super, nehm ich!“ Und doch tun wir es so oft.

Der Unterschied besteht laut Brené darin, dass Menschen der erstgenannten Gruppe sich einfach viel häufiger trauen, Dinge zu tun, die ihnen eventuell Schmerz zufügen könnten.
Sie machen sich verletzlich, indem sie

  • einem anderen sagen, wie sie für ihn empfinden – ohne zu wissen, ob derjenige das ähnlich sieht.
  • zugeben, dass sie bei irgendetwas ein Problem haben und Hilfe benötigen.
  • auf andere zugehen, Fehler zugeben und um Verzeihung bitten.
  • Fehlschläge nicht als Grund zum Aufgeben sehen, sondern es immer wieder neu probieren.

Menschen, die auf diese Weise durchs Leben gehen, erleben wir für gewöhnlich als sehr authentisch, sie sind uns sympathisch, weil sie kein für uns unerfüllbar erscheinendes Superman-Image pflegen. Wir fühlen uns ihnen automatisch verbunden, haben ja schließlich alle „unser Päckchen zu tragen“ und genau das wird uns auf einmal klar:

Da schau an, dem geht`s wie mir.

Zwischen unserem und dem blankpolierten Leben eines scheinbar unfehlbaren Menschen entsteht unweigerlich eine gewisse Distanz, selbst wenn er direkt neben uns sitzt.

Wie nah kommt uns aber eine ehemals drogenkonsumierede Mette-Marit, eine bulimische Prinzessin Diana oder ein offensichtlich talentfreier Menderez, der sich selbst von den übelsten Beschimpfungen eines Herrn Bohlen nicht abhalten lässt, immer wieder aufs Neue zu versuchen, seinen Traum zu verwirklichen?

So jemandem bringen wir für gewöhnlich Zuneigung entgegen und empfinden ihn unweigerlich als starke Persönlichkeit – weil er sich traut, zu sich und seinen Schwächen zu stehen.

In der Gegenwart solcher Menschen werden auch eigene „Mängel“ plötzlich viel kleiner und im besten Fall kann man von ihnen lernen, dass man vollkommen in Ordnung ist, wie man ist und es vielleicht sogar diese kleinen Besonderheiten sind, die uns zu einem so einzigartigen Menschen machen.

Dass wir zwar nicht perfekt sind, aber dennoch vollkommen.

Denke, das genügt für den Anfang … :)

Hier mal noch Brene Browns Vortrag, eine deutsch untertitelte Version konnte ich leider nicht finden, aber wenn du Google oder wen auch immer nach  ihr befragst, wirst du sicher allerhand interessante Infos finden.

Mit diesem ungeplant laaaangen Artikel einen schönen Tag euch allen und liebe Grüße,
Rebecca

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Ein Kommentar zu „Die Macht der Verletzlichkeit

  1. Vielen lieben Dank Rebecca für deinen Mut, dich dennoch öffentlich zu trauen :-) Ich finde es herrlich, eine Gleichgesinnte zu finden und ja, auch ich stoße immer wieder auf huiui´s :-D Von sämtlichen Menschen sowie auch in den eigens verfassten Texten. Ich trete auch mit einer sehr persönlichen Geschichte in Form eines erzählenden Sachbuchs mit biographischen Zügen in die Welt hinaus. Und ich fühle wie du. Ich gratuliere dir herzlich zur angenommenen Buchvorstellung im Compassioner. Soweit bin ich leider noch nicht, ich konzertriere mich gerade voll darauf, mein „Baby“ zu vollenden. Es wird als „Burnout im Baby-Glück?“ noch dieses Jahr geboren werden. Danach habe ich hoffentlich wieder genug Zeit, um auch dein Baby lesen zu können. Ich freue mich jedenfalls schon jetzt darauf.
    Mach weiter so! Es gibt da draussen viele Menschen, die gerade DEIN Buch brauchen und daran wachsen können.
    Von Herzen
    Susanne

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